Vier Jahrzehnte DDR-Küche

Putenschnitzel nach Strindberg Art mit Bratkartoffeln und Buttererbsen

Geschichte

Vier Jahrzehnte DDR-Küche

Vom Mangel nach dem Krieg bis zu den Gaststätten der 1980er.

Vier Jahrzehnte DDR-Küche im Überblick: Wie sich Essen und Gaststätten in der DDR veränderten, mit Daten, die wir belegen konnten, und Gerichten aus unserer Sammlung.

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Die 1950er: Knappheit und das Ende der Lebensmittelkarten

Nach dem Krieg war vieles knapp. Die Landwirtschaft erreichte 1950 erst etwa die Hälfte ihrer Vorkriegsleistung. 1948 wurde die staatliche Handelsorganisation (HO) gegründet. Sie betrieb Läden und Gaststätten: Bis 1950 hatte sie mehr als 2.300 Verkaufsstellen, rund zehn Jahre später etwa 35.000.

Am 28. Mai 1958 endeten die Lebensmittelkarten und die letzten Rationierungen für Fleisch, Fett und Zucker. Im Fernsehen kochte ab 1958 Kurt Drummer, seine Sendung „Fernsehkoch Kurt Drummer empfiehlt“ lief ab 1961 alle zwei Wochen.

  • 1948: Gründung der HO
  • 1950: Landwirtschaft bei etwa 50 Prozent des Vorkriegsstands
  • 28. Mai 1958: Ende der Lebensmittelkarten
  • 1958 bis 1983: Kurt Drummer im DDR-Fernsehen

Einfache Hausmannskost aus unserer Sammlung: Berliner Linseneintopf, Pellkartoffeln mit Kräuterquark und Kartoffelsuppe mit Bockwurst.

Die 1960er: Goldbroiler, Fischrestaurants und neue Läden

Zu Beginn der 1960er stürzte die Zwangskollektivierung die Versorgung in eine neue Krise, ab Mitte des Jahrzehnts stabilisierte sie sich. Der Staat wollte den hohen Verbrauch von Rind- und Schweinefleisch senken. Dabei sollten neue Gaststätten helfen: die Goldbroiler-Lokale und die Fischrestaurants „Gastmahl des Meeres“.

Daneben entstanden Läden mit besonderem Angebot: die Exquisit-Läden (seit 1962), die Delikatläden (seit 1966) und die Intershops, in denen man mit Westgeld einkaufte.

  • 1960: Zwangskollektivierung, neue Versorgungskrise
  • 14. Dezember 1962: Gründung der Intershops
  • 1966: Eröffnung der ersten Delikatläden und, laut Berliner Kurier, des ersten „Gastmahl des Meeres“ in Weimar
  • 7. November 1967: Eröffnung der ersten drei Grillbars „Zum Goldbroiler“ in Berlin, zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution

Dazu passen aus unserer Sammlung: Goldbroiler, Forellen in Mandelbutter und Lachsfilet mit Bohnen.

Die 1970er: Gaststätten, Kaffeekrise und ein Kochbuch

Was in einer Berliner Gaststätte auf den Tisch kam, zeigt eine Speisekarte von 1970 („Zum Schusterjungen“): Gulaschsuppe, Bouletten, Bauernfrühstück, Sülze, Rollmops und Eiersalat, die meisten Posten für 40 Pfennig bis 2,15 Mark.

1974 hob der Staat das Verbot von Westgeld für DDR-Bürger auf, sie durften nun in den Intershops einkaufen. Ab 1976 geriet der Kaffee in die Krise: Der Weltmarktpreis stieg, und es fehlten Devisen. 1977 kam der „Kaffee-Mix“ aus etwa je zur Hälfte Bohnenkaffee und Ersatz auf den Markt, den viele ablehnten. 1979 erschien das Kochbuch „Wir kochen gut“.

Wer kein Westgeld hatte, konnte in den Exquisit- und Delikat-Läden einkaufen. Dort zahlte man in DDR-Mark, aber zu Preisen, die oft ein Mehrfaches der HO- und Konsum-Läden betrugen: Eine Packung Jacobs-Kaffee kostete 23 Mark, eine Flasche französischer Weißwein 28 Mark. Angeboten wurden auch Waren aus der „Gestattungsproduktion“: Betriebe in der DDR stellten Markenwaren im Auftrag westlicher Firmen her, um Devisen zu sparen. Ende 1977 beschloss das SED-Politbüro, die Delikat-Läden stark auszubauen.

  • 1974: DDR-Bürger dürfen in Intershops einkaufen
  • 1976: Kaffeekrise beginnt, Förderung privater Gaststätten
  • 1976: Gründung der Forum GmbH für die Gestattungsproduktion
  • Ende 1977: Politbüro beschließt den Ausbau der Delikat-Läden
  • 1977: Höhepunkt der Kaffeekrise, Kaffee-Mix
  • 1979: Erstausgabe von „Wir kochen gut“

Dazu passen aus unserer Sammlung: Altberliner Kartoffelsalat mit Bulette, Würzfleisch und Soljanka.

Die 1980er: Mangel in der Gastronomie

Die Gastronomie galt noch 1988 als lange vernachlässigt. Trotz Bemühungen reichten weder die Zahl noch die Qualität der Lokale. Eine Speisekarte von 1981 vom Müggelsee zeigt, was es trotzdem gab: Ochsenmark auf Toast, Paprikaschnitzel, Sahnegulasch mit Käsespaghetti und Berliner Eisbein, zwischen 3,05 und 6,10 Mark.

Frisches Obst und Gemüse waren knapp. Zu Weihnachten kaufte die Führung mit Devisen Südfrüchte ein, bekannt wurden die „Grönland-Orangen“ aus Kuba mit harter grüner Schale. Das Jägerschnitzel gab es im Osten laut einem Bericht der Berliner Zeitung meist mit Jagdwurst, Tomatensoße und Spirelli.

Die DDR brauchte dringend Devisen für ihre Schulden im Westen. Deshalb half 1983 ein Milliardenkredit, den der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß und Alexander Schalck-Golodkowski vermittelten. Die Bundesregierung bürgte dafür. Im Juli 1984 folgte ein weiterer Kredit über 950 Millionen D-Mark. Warum das für die Küche zählt: Mit Devisen wurden auch Südfrüchte, Kaffee und andere Importe bezahlt.

  • 1981: Speisekarte „Rübezahl“ am Müggelsee
  • 1988: Bericht des DIW zur Gastronomie in der DDR
  • 1. Juli 1983: Milliardenkredit eines Bankenkonsortiums unter Führung der Bayerischen Landesbank
  • 25. Juli 1984: weiterer Kredit der Deutschen Bank über 950 Millionen D-Mark
  • 1980er: Südfrüchte zu Weihnachten gegen Devisen

Dazu passen aus unserer Sammlung: Berliner Eisbein und DDR-Jägerschnitzel mit Tomatensoße.

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